Die Welt ist im Umbruch und gefühlsmässig noch viel labiler als noch vor einem Jahr. Das macht eine Prognose nicht einfacher. Im Gegenteil, wir stehen am Scheideweg. Werden wir uns richtig entscheiden? Diese Frage dürfte 2012 beantwortet werden.
Europa
Zum Thema Europa kann nur wiederholt werden, was schon vor einem Jahr galt. Nur stehen wir im neuen Jahr wohl vor der definitiven Entscheidung: Europa steht an einer kritischen Schwelle. Gelingt es, zur Währungsunion auch eine politische Union zu schaffen, welche Voraussetzung für den langfristigen Erhalt des gemeinsamen Wirtschaftsraumes ist? Oder zerfällt Europa in Nord und Süd oder noch kleinere Teile? Die Sache ist nicht entschieden, doch ich denke, dass sich Europa am Ende zusammenraufen wird. Es setzt sich die Erkenntnis durch, dass bei einem Zerfall alle viel verlieren. Beim Zusammenbleiben werden kurzfristig auch einige verlieren, langfristig aber alle gewinnen. Hoffen wir für uns alle, dass die Vernunft über die Angst und den Egoismus siegt.
Euro
Den Euro gibt es immer noch, obwohl der Untergang schon lange prophezeit wurde. Der Euro als Gemeinschaftswährung ist keine Fehlkonstruktion, wie vielfälltig behauptet wird. Trotzdem ist der Euro in einigen Punkt falsch konstruiert. Man kann nicht eine gemeinsame Währung schaffen und gleichzeitig die Verantwortung dafür an die Mitglieder delegieren. Es braucht eine gemeinsame Verantwortung und das heisst auch Ausgleichszahlungen von den Starken zu den Schwachen. Es geht dabei nicht darum, dass die Fleissigen für die Faulen zahlen sollen, sondern die mit den besseren Chancen zu denen mit den schlechteren. Diese Einsicht ist noch nicht im nötigen Umfang zu allen Entscheidungsträgern durchgedrungen. Die Entscheidung wird aber bald fallen, den lange kann das System Euro im heutigen Zustand nicht mehr gehalten werden.
Wirtschaft
Mit Occupy Wallstreet hat das Thema Wirtschaft eine zusätzliche Fussnote erhalten. Die Occupy-Bewegung hütet sich teilweise bewusst, konkrete Forderungen zu stellen. Der grösste Verdienst von Occupy ist jedoch, dass in einem viel breiteren Bevölkerungskreis über die problematischen Wirtschaftsthemen diskutiert wird und sehr viel mehr Leuten bewusst wird, dass dieses Thema in der Wichtigkeit bisher wohl unterschätzt wurde. Die Frage ist, ob die Bewegung sich in der schnelllebigen Zeit weiter etablieren wird oder ob das Interesse zu rasch wieder schwindet. Ernsthafte Resultate in der Politik werden wir in jedem Fall in frühestens zehn Jahren sehen, wie dies bei allen grösseren Protestbewegungen der Fall war.
Politik
Die Bürgerproteste haben sich rascher entwickelt als erwartet. Mittlerweile protestieren sogar die Russen gegen das Putinmonopol. Die Gefahr besteht, dass die Mittelschicht weiterhin geschwächt wird. Die Armen haben keine Möglichkeit etwas zu ändern, die Reichen haben kein Einsehen, warum sie etwas ändern sollen. Eine fehlende Mittelschicht würde die Gesellschaft daher radikalisieren. Die politischen Herausforderungen sind komplex. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es in eine ökologische und soziale Richtung gehen muss, wenn es nicht in einer Katastrophe enden soll. Für 2012 sehe ich hier allerdings erst kleine Schritte.
2012 werden zahlreiche Regierungen neu gewählt. Nach den Wahlen könnten die Entscheide daher wieder etwas pragmatischer ausfallen, da nicht bevorstehende Wahlresultate im Fokus stehen.
Energiewende
Fukushima hat unerwartet die Wende zu den Erneuerbaren beschleunigt. Einige Länder haben daraufhin den endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen, was vor Fukushima noch in weiter Ferne schien. Inzwischen ist die Industrie für die Erneuerbaren so gross, insbesondere Wind und Solarstrom, dass die kritische Masse überschritten ist und dieser Industriezweig auch ohne Förderung überleben würde. Wichtig ist jedoch, dass auch die Förderungen für die anderen Energieformen, insbesondere Kohle und Atom, eingestellt werden, um einen fairen Wettbewerb unter den Technologien zu ermöglichen. Mengenmässig werden die Fossilen allerdings nach wie vor schneller wachsen wie die Erneuerbaren. Dies gilt vor allem für Kohle und Gas. Grund: Das weltweite Wachstum ist so gross, dass es durch die junge Industrie der Erneuerbaren noch nicht abgedeckt werden kann. Der Wendepunkt wird wohl erst in fünf bis zehn Jahren erreicht.
Ressourcen
Bei den Ressourcen insgesamt sollte man nicht bloss einen Jahreshorizont betrachten, sondern die langfristigen Trends. Diese sehen leider nicht sehr gut aus. Heute verbraucht etwa 20% der Bevölkerung 50% aller Ressourcen. Die anderen 80% haben aber auch ein Anrecht auf etwas Luxus. (Siehe auch hier!) Dies führt zu einem weiteren enormen Anstieg am Ressourcenverbrauch. Zusätzlich nimmt die Menschheit an der Zahl immer noch dramatisch zu. In 30 Jahren werden es weitere zwei Milliarden Menschen sein. Setzt man denen die rund 1.5 Milliarden gegenüber, welche heute die 50% der Ressourcen verbrauchen, kann man leicht erkennen, dass wir vor gewaltigen Herausforderungen stehen. Noch nicht im neuen Jahr. Aber wir müssen sofort mit Gegensteuer anfangen, denn der Umbauprozess wird Jahrzehnte dauern.





In der Wirtschaft gibt es zwei relativ einfach Grundprinzipien, die zudem in enger Wechselwirkung stehen:
Das Prinzip Vermögen gleich Schulden gilt auch International. Wenn Deutschland als Exportweltmeister eine Menge Geld verdient und dieses in den Importländern nicht im gleichen Umfang ausgibt, es also spart, müssen die Importländer entsprechend Schulden aufbauen. Da die Kapazität der privaten Schuldner nach ein oder zwei Leasingverträgen und einer Hypothek langsam erschöpft ist, bleibt nur noch der Staat, der sich weiter verschulden kann. Genau das ist zum Beispiel mit Griechenland geschehen. Man kann schon über die Schulden von Griechenland schimpfen. Aber einige Länder haben sehr gut daran verdient, nach Griechenland zu exportieren. Es ist daher nichts als fair, wenn die profitierenden Ländern Griechenland nun auch wieder aus der Patsche helfen müssen.
Die reale Planwirtschaft hat sich in Russland und Ostdeutschland nicht bewährt. Dies trübte eine zeitlang den Blick für die Mängel unserer Marktwirtschaft und in der Folge wurde und wird diese unter den Begriffen Globalisierung und Neoliberalismus massiv weiter ausgebaut. Der Neoliberalismus möchte global und möglichst ohne Behinderung durch Staatliche Strukturen agieren können. Die Mängel eines solchen Systems sind allerdings erheblich und ausserdem gefährlich.

