70523 Benzin vom Acker

Aus ContexoWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche
Treibstoffe aus Biomasse sollen von den Mineralölsteuern befreit werden, sofern sie eine positive ökologische Gesamtbilanz aufweisen und unter sozial annehmbaren Produktionsbedingungen hergestellt wurden. Das beschloss das Parlament in Bern am 23. März mit der Änderung des Mineralölsteuergesetzes. Mit dieser Massnahme, so rechnete der Bundesrat in seiner Botschaft, lasse sich der fossile Treibstoffverbrauch bis zum Jahr 2010 um fünf Prozent und der verkehrsbedingte Ausstoss des Klimagases CO₂ um vier Prozent vermindern.

Inhaltsverzeichnis

[bearbeiten] Was Treibstoffe bewirken

Politisch stellt sich somit die Frage, wie die Ökobilanz für die einzelnen Treibstoffe ausfällt. Die Antworten liefert die gestern veröffentlichte Studie «Ökobilanz von Energieprodukten», die eine Gruppe von Experten im Auftrag der Bundesämter für Energie, Umwelt und Landwirtschaft erstellte. Die wichtigsten Resultate:

  • Eine bessere Ökobilanz als Benzin weisen nur Biomasse-Treibstoffe aus, die aus Gras, Holz und Abfällen – vom Grüngut bis zur Jauche – gewonnen werden. Treibstoffe aus Ackerpflanzen – vom Raps über Getreide bis hin zu Zuckerrüben und Zuckerrohr – belasten die Umwelt insgesamt stärker als Benzin. Für diese Treibstoffe mit negativer Ökobilanz ist also keine Steuerbefreiung möglich, sofern der Bundesrat mit seiner Ausführungsverordnung konsequent dem Buchstaben des Gesetzes folgt.
  • Bei Treibstoffen aus Ackerfrüchten belastet vor allem der landwirtschaftliche Anbau die Natur. Dazu gehören der Energieeinsatz für Dünger und Landmaschinen, die Bodenbelastung durch Dünger und Pestizide oder – bei Biotreibstoffen aus tropischen Regionen – die Schäden, die durch die Abholzung von Urwäldern entstehen.
  • Berücksichtigt man den Ausstoss von Klimagasen allein, so schneiden die meisten Produkte aus Biomasse besser ab als die fossilen Energieträger Benzin, Diesel und Erdgas. Bei Biotreibstoffen aus Ackerpflanzen überwiegen aber die gesamten Umweltbelastungen gegenüber diesem – mehr oder weniger grossen – Klimabonus.
Umweltbelastung der Biotreibstoffe
Umweltbelastung der Biotreibstoffe
Selbst bei jenen Bioprodukten, die ökologisch besser abschneiden als Benzin, ist der Einsatz als Treibstoff nur bedingt sinnvoll. Biogas zum Beispiel lässt sich auch zum Heizen oder zur Produktion von Strom nutzen. Das Gleiche gilt für Holz.

Entsprechend klein ist das Potenzial der Biomasse: «Wenn jeweils die umweltfreundlichsten Produktionspfade angewendet werden», so rechneten die Verfasser der Studie, kann Schweizer Biomasse heute 1,9 Prozent des Energieverbrauchs im Verkehr decken. Die Klimaschutzziele, die der Bundesrat mit der Steuerbefreiung von Treibstoffen aus Biomasse anstrebte, werden also deutlich verfehlt. Offene Fragen

Die Verfasser betonen, ihre Studie spiegle den heutigen Zustand , und sie schreiben mit Blick in die Zukunft: «Grundsätzlich lässt sich jeder der untersuchten Treibstoffe auf umweltfreundlichere Art produzieren», sei es durch eine umweltfreundlichere Landwirtschaft oder durch neue Verfahren, welche die Biomasse effizienter nutzen und so ihren Beitrag an die Energieversorgung erhöhen.

Andererseits ist die Umwandlung von Biomasse zu Sprit mit einer Reihe von Problemen verbunden, welche diese Ökostudie nicht berücksichtigt. Dazu gehört vor allem die Konkurrenz zur Nahrungsproduktion für die wachsende Bevölkerung. Wenn zum Beispiel Schweizer Bauern aus Gras oder Zuckerrüben Ethanol herstellen, fehlt der entsprechende Zucker in der Zuckerdose und die entsprechende Menge Heu im Kuhmagen. Die ökologische Belastung, die entsteht, wenn die Schweiz zusätzlichen Zucker aus Brasilien oder Futter aus der EU importieren muss, klammert die Ökobilanz aus.

Ebenfalls unberücksichtigt bleiben die «sozialen Faktoren», etwa die Verteuerung von Grundnahrungsmitteln auf dem globalen Markt, wenn Industriestaaten immer mehr Mais oder Getreide in den Tank ihrer gefrässigen Autos füllen. Auch die «sozial annehmbaren Produktionsbedingungen» werden in der Studie nicht untersucht. Das Fazit, das die Auftraggeber aus der Studie ziehen: «Da die Potenziale beschränkt sind, führt kein Weg an einer sparsameren und effizienteren Energieverwendung vorbei.»

Autor: Hanspeter Guggenbühl

Quelle: www.bfe.admin.ch


[bearbeiten] USA: Ethanol-Boom

[bearbeiten] mit unerwarteten Folgen

Die Herstellung von Treibstoff aus Mais erlebt im Mittleren Westen der USA mit seinen riesigen Getreidefeldern eine wahre Blüte. Der Boom ist unübersehbar. Fast jeder Maisbauer in Iowa, Illinois, Nebraska, Kansas, North und South Dakota sowie Minnesota hat neue Silos gebaut. «Und der einzige Grund für die Vergrösserung der Lagerflächen ist die Ethanol-Produktion», sagt Dave Fairfield von der «National Grain and Feed Association», einer landwirtschaftlichen Handelsorganisation. Dieses Jahr wird gemäss Fachleuten ein Viertel der gesamten US-Maisernte zu Ethanol verarbeitet. 118 Fabriken, die sich häufig im Besitz von Landwirten befinden, sind zu diesem Zweck bereits in Betrieb genommen worden. Sie werden bis im Frühjahr mehr als 35 Milliarden Liter Ethanol produzieren, eine Steigerung um fast 60 Prozent gegenüber dem laufenden Jahr. Das ist jedoch nur etwa ein Prozent des Treibstoffverbrauchs in den USA.

[bearbeiten] Unerwartete Kettenreaktion

Die Landwirte profitieren von diesem Boom doppelt. Zum einen subventioniert der Staat die Ethanol-Herstellung mit einem Zuschuss von 17 Rappen pro Liter, damit der Treibstoff trotz höheren Herstellungskosten an der Tankstelle konkurrenzfähig ist. Zum andern ist die Nachfrage nach Mais derart gestiegen, dass sich der Abnahmepreis vervielfacht hat. Während die Ernte 2006 einen Wert von 6,3 Milliarden Dollar hatte, werden die Bauern heuer 42 Milliarden einnehmen. Das eröffnet neue Perspektiven. «Dank Ethanol ist unser Dorf nicht von der Landkarte verschwunden», sagt eine Bäuerin aus Galva im Bundesstaat Iowa.

Ausserhalb des Mittleren Westens wird dieser Boom freilich mit Skepsis beobachtet. Denn die erhöhte Nachfrage nach Mais hat eine Art Kettenreaktion ausgelöst. Mais wird in der Landwirtschaft auch zur Mast von Rindern und Hühnern verwendet. Die Agroindustrie will die höheren Preise für das Tierfutter aber nicht selbst bezahlen. Deshalb werden die Kosten auf die Konsumenten überwälzt, so dass die Preise für Fleisch, Milch und Eier steigen. Da Mais auch für die Nahrungsmittelindustrie von grosser Bedeutung ist – etwa auch als Süssstoff –, läuten in der Branche die Alarmglocken. Der amerikanische Konsument müsse sich entscheiden, sagt Dick Bond, Geschäftsführer des Nahrungsmittelkonzerns Tyson Foods. Entweder werde Mais verfüttert oder es werde aus dem Getreide Energie gewonnen. Beides gehe nicht. Und Keith Collins, Chefökonom des Landwirtschaftsministeriums, sagte kürzlich, der Ethanol-Boom werde «leicht höhere» Nahrungsmittelpreise zur Folge haben.

[bearbeiten] Ökobilanz umstritten

In Frage gestellt wird von Kritikern dieser Entwicklung auch die Energiebilanz des «grünen Benzins». Vergärter Mais mag als Brennstoff bezüglich Abgase weit besser abschneiden als herkömmliches Benzin. Aber auf dem Weg vom Feld zur Tankstelle wird für die Produktion von Ethanol sehr viel Energie verbraucht. Kritiker nennen Ethanol deshalb ein Mogelprodukt.

Verfechter des Ethanols berufen sich auf eine Untersuchung. Unter dem Strich schneide dieser «leicht» besser ab als Benzin, hielt eine Studie des US-Parlaments im vorigen Jahr fest. Noch besser sähe die Bilanz aus, wenn Ethanol aus Gras, Holz oder Zuckerrohr hergestellt würde – Pflanzen, die anspruchsloser sind als Mais und weniger Dünger und Wasser benötigen. Die Studie hielt aber auch fest, dass Ethanol im Treibstoff nur dann zu einer Reduktion der Treibhausgase führe, wenn es Benzin in grossen Mengen beigemischt werde. Der Treibstoff E85, der zu 85 Prozent aus Ethanol besteht, führe zu einer Verringerung der Emissionen um 20 Prozent. E10 hingegen, weit verbreiteter an den US-Tankstellen, reduziere den Ausstoss von Treibhausgasen nur um ein Prozent.

[bearbeiten] Ein heikles Politikum

Die Kritik am Ethanol-Boom hat eine Diskussion über die Vor- und Nachteile des Brennstoffs entfacht, die es zuvor nicht gab. Es habe bisher den Anschein gemacht, als sei Ethanol «moralisch besser als Öl», sagte der Politologe Steffen Schmidt von der State University in Iowa dem Magazin «U.S. News». Kein Politiker mit nationalen Ambitionen wagt es deshalb, die Koalition aus Landwirten, Umweltschützern und Ölmultis zu kritisieren – denn Iowa ist im Präsidentenwahlkampf als Austragungsort der ersten Vorentscheidung zu wichtig, als dass ein Kandidat es sich mit der Bevölkerung verderben möchte. Selbst John McCain hat das eingesehen: Vor sieben Jahren, bei seiner ersten Kandidatur für das Weisse Haus, machte der republikanische Senator einen Bogen um Iowa, weil er sagte: «Mit Ethanol reduzieren wir weder unseren Benzinverbrauch, noch vergrössern wir unsere Energie-Unabhängigkeit, noch wird die Luftqualität verbessert.» Heute setzt sich McCain für die staatliche Unterstützung der Maispflanzer ein. Renzo Ruf, Washington

Quelle: www.tagblatt.ch

Persönliche Werkzeuge